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Sonntag, 1. März 2015

The Order: 1886

Playstation 4 Game-Kritik #1

Auf der E3 2013 kündigte Sony einen neuen und PS4-exklusiven Third-Person-Shooter an. The Order: 1886 wurde von Ready at Dawn und SCE Santa Monica entwickelt und am 20. Februar 2015 weltweit veröffentlicht. Die ersten Teaser- und Gameplay-Videos sahen vielversprechend aus, und alles deutete daraufhin, dass Sony mit diesem Spiel einen Hochglanztitel für ihre Konsole abliefern würde.

Doch The Order: 1886 sah sich in den Monaten vor der Veröffentlichung mit schweren Vorwürfen und Kritik konfrontiert, genährt durch Gerüchte und Behauptungen bezüglich angeblich sehr kurzer Spielzeit und geringer Spielfreiheit. So kam es, dass noch vor dem Release ein Shitstorm losbrach und sich große (oder zumindest laute) Stimmen im Internet brüskierten.

Ich ließ mich von alldem wenig beeindrucken und ging mit ungebrochener Vorfreude an das Spiel heran. Im Folgenden meine Gedanken dazu.


Story
Ein neues Zeitalter bricht an – ein Zeitalter wissenschaftlicher Wunder. Doch unter dem dichten Londoner Nebel, im Schatten der Industriellen Revolution, drohen alte und neue Feinde die Stadt – und die ganze Welt – ins Chaos zu stürzen. Die Stadt wird von den einzigen Beschützern der Menschheit bewacht, einer Elitegruppe von Rittern, die als der Orden bekannt ist. Schließe dich einem Jahrhunderte alten Krieg gegen eine mächtige Bedrohung an, der den Lauf der Geschichte für immer verändern wird.
Offizielle Beschreibung von der Webseite http://theorder1886.eu.playstation.com/de_DE/home

Ausführung

Um die vielleicht etwas kryptische Beschreibung zu ergänzen: Der Orden kämpft seit Jahrhunderten gegen die Halbblütler, auch Lykaner genannt (sprich Werwölfe). Selbige sind körperlich den Menschen weit überlegen und die Ritter sind nur dank ihrer Geheimwaffe in der Lage, ihren Kampf zu führen - das sogenannte Schwarzwasser, welches jede Wunde sofort heilt. Der Protagonist ist Sir Galahad, ein altgedienter Ritter, welcher wie andere bereits seit Jahrhunderten dem Orden dient (das Schwarzwasser hält auch den körperlichen Verfall auf). Auf ihn alleine konzentriert sich die Geschichte und lässt etwas tiefere Einblicke zu.

Sir Galahad wird zwar im Allgemeinen als edler Mensch mit guten Überzeugungen dargestellt, doch Vieles ist uneinheitlich. Einmal riskiert er ein Zerwürfnis, weil er die Wachen eines Komplexes nicht töten will ohne Beweise für die vor sich gehenden Machenschaften. Ein Kapitel später an einem anderen Ort, weisen ihn andere Charaktere auf genau dieselbe Problematik hin, was er aber nur mit einem brüsken "Dafür ist jetzt keine Zeit" zurückweist.

Anmerkung:

Die Story bedient sich für ihre Charaktere bei ein paar prominenten historischen und fiktiven Vorlagen:
  • Beispielsweise ist Sir Galahad einer der wichtigsten Ritter der Tafelrunde und ist in der Artus-Legende der reinste Ritter, und somit auch der einzige, der den Heiligen Gral findet.
  • Die Bezeichnung Lykaner kommt von der altgriechisch hergeleiteten Lykanthropie - der Verwandlung eines Menschen in ein Tier. Dies ist eigentlich allgemein gemeint, bezieht sich aber am Häufigsten auf die Legende des Werwolfs. Prominentes Beispiel der Verwendung dieses Namens, ist die Filmreihe "Underworld".
  • Nikola Tesla wiederum war ein tatsächlich lebender Erfinder zur Zeit der Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Er ist bis heute bekannt als begnadeter Erfinder, welcher vor allem auf dem Gebiet der Elektrizität tätig war und nicht ganz unumstritten ist. Er arbeitete tatsächlich Waffensystemen, die in seiner Zeit als weit futuristisch galten, welche jedoch nie verwirklicht worden sind.
Sowohl Galahad als auch die anderen wichtigen Charaktere weisen an der Oberfläche durchaus interessante Wesenszüge auf. Diese werden jedoch nur minimal vertieft, weshalb hier leider sehr viel Potenzial verschenkt wird. Trotzdem hat es mir Spaß gemacht, mit dem Protagonisten auf seine Reise zu gehen und ihn zu spielen.

Die eigentliche Story enthält zwar viele interessante Fundamente, kann oder will diese jedoch nicht nutzen. Man merkt ihr leider an, dass einiges nur deshalb vorkommt um der Action ein cooles oder aufwändig inszeniertes Szenario zu bieten. Ich fühlte mich zudem, was den Hintergrund betrifft, ziemlich alleine gelassen. Die Gründe dafür im Folgenden:

Achtung - Milde Spoiler:

Es wird zu keinem Zeitpunkt im Spiel erklärt, woher die Halbblütler kommen und wieso überhaupt gegen sie Krieg geführt wird, oder wie lange schon. Es fehlt auch jedwede Einführung in die Welt von The Order, sprich, wie die aktuellen Technologien entstanden sind, die generelle Weltordnung, woher die Rebellion kommt etc. All das wird einem einfach vorgesetzt und als selbstverständlich verkauft. Zudem werden Handlungsstränge begonnen aber nie aufgelöst - beispielsweise tauchen andere Fabelwesen auf, ohne dass deren Verbindung zu alldem gezeigt wird, und Nikola Tesla wird mit etwas in Verbindung gebracht, über das nie wieder gesprochen wird. Spoiler Ende.

Achtung - Starke Spoiler:

Die Trailer vermitteln ein nicht ganz richtiges Bild von der Handlung. Obwohl in ihnen stets der Kampf gegen die Werwölfe hervorgehoben wird und selbiger ja auch der Existenzgrund des Ordens ist, sieht es im Spiel etwas anders aus. Tatsächlich liegt der Schwerpunkt auf dem Feuerkampf gegen menschliche Gegner. Ein Gefecht gegen Werwölfe ist eher ein spezielles Ereignis und relativ hart. Andererseits vermittelt dies jedoch gut das Gefühl, wie stark diese Feinde sind. Spoiler Ende.

Alles in allem ist die Story zwar weder etwas Neues, noch originell (dafür haben die Charaktere zu wenig Tiefe und viele Wendungen sind zu vorhersehbar), aber es reicht doch aus, um als Gerüst für die Reise durch dieses alternative London zu dienen.

Mit etwas mehr Arbeit hätte die Story durchaus ihr Potenzial besser nutzen können. Da jedoch sowieso sehr viele Punkte auf eine Fortsetzung beziehungsweise den Beginn eines Franchises hinweisen, haben die Autoren ja noch die Chance, sich zu verbessern.

Story-Bewertung: 1 von 3 Game-Controller


Gameplay

Das Wichtigste zuerst - das Kampfsystem. Dieses ist am ehesten mit dem der Gears of War-Serie zu vergleichen. Die Kamera hängt sehr nahe rechts hinter dem Charakter. Es gibt ein Deckungssystem, Waffen können gezielt oder aus der Hüfte abgefeuert werden und im Notfall gibt es einen Nahkampfangriff. Es kann gleichzeitig immer nur eine Pistolen-, Gewehr- und Granatenart mitgeführt werden.

Wird man zu schwer verwundet, geht Galahad zu Boden und man hat die Chance, sich einmal (pro Abschnitt) selbst wiederzubeleben (anders als in Gears of War oder Army of TWO helfen einem die eventuell vorhandenen NPC-Kameraden hierbei nicht). Es dauert jedoch seine Zeit bis dem Spieler hierzu die Möglichkeit gegeben wird, und auch dann müssen noch ein paar Tasten gehämmert werden. Zudem ist man die ganze Zeit über weiterhin angreifbar durch Gegner. Dies macht diese Fähigkeit beinahe nutzlos, da man gerade in den brenzligsten Situationen kaum Ruhe vor dem Feind hat. Auf den höheren Schwierigkeitsgraden ist es mir nicht selten passiert, dass ich mich gerade aufgerichtet habe, nur um gerade noch einen Soldaten um die Ecke kommen zu sehen, der mich mit einer Schrotladung ins Gesicht endgültig ins Jenseits befördert hat.

Bei der Waffenentwicklung haben sich die Designer ordentlich ausgetobt und viele originelle Ideen hervorgebracht. Stellvertretend sei hier die Tesla-Kanone und das Termitgewehr (verschießt Flüssigmetall-/Gasprojektile, welche eine Nebelwand erzeugen, die mit einem Funken angezündet werden kann) genannt. Generell ist die Optik sehr an die allgemeine Steam-Punk Atmosphäre angelehnt - was bedeutet, dass moderne Gimmicks auf schräge Weise an alten Dingen implementiert sind; beispielsweise ein Fernrohr an einem Scharfschützengewehr.



Es gibt immer wieder länger ruhige Abschnitte, in denen Dialoge stattfinden und man die Chance hat, die Umgebung zu durchsuchen. Dabei können sammelbare Gegenstände gefunden werden, welche in Nahansicht betrachtet werden können. Abgesehen vom Sammeldrang für die dazugehörige Trophäe, ist dies wenig aufregend und steht vielleicht zurecht in der Kritik, das Spiel unnötig in die Länge zu ziehen.

Zwischendurch trifft man auf zwingende und optionale Minispiele. Einmal müssen Schlösser mit einem Hightech-Dietrich geknackt, ein anderes Mal Stromleitungen überbrückt werden. Beide stellen nette Abwechslungen dar, obgleich sie nicht herausfordernd sind.

Ein großes - und für mich sehr kontroverses - Thema sind die Quicktime-Events. Es gibt viele davon und ein guter Teil von ihnen kann frustrieren. Dies liegt daran, dass es praktisch in jeder Szene/Sequenz möglich ist, dass plötzlich ein Button auftaucht, den es schnell zu drücken gilt. Ich war praktisch bei jedem ersten Mal zu langsam und starb, nur um beim nächsten Mal einfach schon zu wissen was passiert und die Tortur zu überstehen. Ich bin nicht generell gegen Quicktime-Events, sie sind an anderen Stellen durchaus sinnvoll umgesetzt. Jedoch hatte ich hier sehr oft das Gefühl, dass sie nur um ihrer eigenen Existenz willen verwendet wurden, weil schon zu lange nichts passiert ist.

Als letzten Punkt möchte ich auf etwas eingehen, das zwar selbstverständlich sein sollte, jedoch von vielen AAA-Spielen 2014 bei weitem nicht geschafft wurde. Während meines Spieldurchganges traf ich kein einziges Mal auf einen Bug, Glitch oder anderweitigen Fehler. Das gesamte Gameplay fühlt sich wie aus einem Guss an und war jederzeit vollkommen flüssig. Meinen Respekt an die Qualitätssicherung ;-)

Gameplay-Bewertung: 2.5 von 3 Game-Controller


Grafik

Grafik ist mir normalerweise nicht so wichtig. Umso mehr ziehe ich den Hut vor den Leuten bei Ready at Dawn. The Order bietet das beeindruckendste grafische Erlebnis, das ich jemals in einem Spiel sehen durfte. Wo früher Zwischensequenzen meist aufpoliert und besser aussahen als das eigentliche Spiel, endet dies hier nicht nach deren Ende. Dies war zu Beginn sogar recht ungewohnt anzusehen. Und auch wenn dieser Ausdruck schon viel zu oft verwendet wird (und schon negativ behaftet), so beschreibt das Erlebnis wohl am besten: Es ist wie ein interaktiver Film.

Das Neo-Viktorianische London sieht zum Anfassen real aus. In den Elendsvierteln fühlt man sich richtig dreckig, während der Prunk und die unzähligen Verzierungen und Farben in den Palästen und Herrenhäusern einen geradezu blenden.

Jeder Charakter oder NPC weist einen sehr hohen Detailgrad auf. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an den Uniformen und Waffen der Ritter. Zudem ist ebenfalls zu merken, dass viel Arbeit in die Animationen gesteckt wurden. Sowohl Freund als auch Feind bewegen sich vollkommen natürlich und fließend durch die beeindruckende Welt.


Grafik-Bewertung: 3 von 3 Game-Controller


Sound

Der Soundtrack schafft es, die vermittelte Atmosphäre noch besser zu untermauern und zu unterstützen - beklemmend, dunkel, doch immer wieder mit einem hellen Aufblitzen von Hoffnung.
Komponiert von Jason Graves (verantwortlich für die Soundtracks von Dead Space 1-3, Heroes of Might and Magic V, Tomb Raider (2013) uvm.) und Austin Wintory (Journey), passt die Musik perfekt zum Rest des Spieles. Im Folgenden zwei Beispiele, das erste davon das Hauptthema:




Sound-Bewertung: 2 von 3 Game-Controller


Fazit

Das Erlebnis, welches The Order: 1886  bietet, ist etwas ganz Spezielles, das ich so noch nicht erlebt habe. Selbiges ist jedoch von Anfang bis Ende durchchoreographiert und lässt dem Spieler wenig Freiheit. Dies ist in meinen Augen jedoch weder etwas hervorstechend Positives oder Negatives. Es ist bei weitem nicht das einzige oder erste Spiel, welches so gehandhabt wird und war zumindest für mich eine angenehme Abwechslung zu dem allgemeinen Trend, alles immer möglichst "Open-World" zu machen. Letztlich hängt es vom eigenen Geschmack ab, wie man darüber denkt.

Zur Kritik an der Spielzeit: Ich selbst habe bei normalem Schwierigkeitsgrad ca. acht Stunden mit dem Titel verbracht. Es waren sehr unterhaltsame und intensive Stunden und, zumindest für mich, gut investiert. Wenn ich mir all die Inhalte (Modelle, Waffe, Schauplätze etc.) ansehe welche in wirklich guter Qualität hier vorhanden sind, dann kann ich mehr als verstehen, dass irgendwo die Grenzen sein müssen und ein 20 Stunden Plus-Spiel einfach zu teuer wäre.

Alles in allem ist die allgemeine Brüskierung wieder mal rein aus einem negativen Hype entstanden, getragen vom aktuellen Fetisch für Spieldauer, FPS und Open-World. Versteht mich nicht falsch - The Order hat seine Tiefen und Fehler und so manche Kritik ist berechtigt. Es jedoch mittlerweile leider sehr leicht, ein solches Phänomen der vorzeitigen Kritik auszulösen und ich hoffe, dass die Industrie sich nicht davon abschrecken lässt und weiterhin Titel mit reinem Einzelspieler-Erlebnis produzieren wird.

Abschließend kann ich jedem Playstation 4-Besitzer diesen Titel empfehlen. Die Qualität und das Erlebnis sind auf dem richtigen Weg. Wenn nun noch die Schwächen in der Story ausgebessert werden, können wir uns noch auf einiges gefasst machen. Dies ist mein erstes Spiel auf der Konsole wo ich wirklich sagen kann, ja, das ist endlich Next-Gen.

Gesamt-Bewertung: 8.5 von 12 Game-Controller

Asgarod

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